Richard David Precht

Die Kosmonauten

Roman

 

Richard David Prechts wunderbarer Liebesroman

In einer Kölner Straßenbahn erobert Georg das Herz einer Unbekannten – Rosalie. Schon bald zieht es die beiden jungen Liebenden aus dem Westen nach Berlin, wo nach Wende und Wiedervereinigung für einen kurzen Moment alles möglich scheint. Während weit oben im All ein letzter sowjetischer Kosmonaut in der letzten sowjetischen Raumkapsel seine Bahnen zieht, erkunden Georg und Rosalie die Stadt wie einen fremden Planeten und lassen sich treiben. Doch die Schwerelosigkeit währt nicht ewig, und schon bald müssen sich die beiden Sternenzähler der neuen Zeit stellen.

Ein humorvoll erzähltes, zärtliches Buch über Liebe, Freiheit und Aufbruch.

Prolog

Östlich des Aralsees, am westlichen Rand der Hungersteppe, etwa vierhundert Kilometer südwestlich von Baikonur, liegt Tjuratam. Die Sommer sind heiß und trocken, die Winter kalt und trocken und stürmisch. Hier, inmitten der endlosen Einöde Kasachstans, befindet sich das Kosmodrom Baikonur, das größte Forschungs-, Entwicklungs- und Startzentrum der Welt. Dieser Standort des Weltraumbahnhofs der Sowjetunion war lange Zeit ein wohlgehütetes Geheimnis. Das Städtchen Tjuratam war einst eine Eisenbahnstation auf der Strecke Taschkent-Aralsk-Orenburg, doch dann kamen die Ingenieure und ihre Arbeiter und sperrten das Gebiet mit einem vierfachen Gürtel ab, errichteten Industriekombinate und Montagehallen und eine eigene Fabrik für die Herstellung von flüssigem Sauerstoff. Die alte Eisenbahnstation ist nun eine riesige Verschiebestelle und zugleich Hauptbahnhof der Stadt Leninsk. Etwa zehn bis zwölf lange Güterzüge versorgen Tag für Tag zehntausende Menschen in den kleinen verfallenenen Baracken der 50er Jahre, den stolzen graublauen Silos der 60er und 70er. Hochgeschossige Wohngebäude, Schulen und Verwaltungsbauten; irdische Zeichen himmlischen Strebens, ragen die Termitenbauten des Sowjetmenschen in die kalte kasachische Wüstennacht.

Im elften Stock wälzt sich Sergej Krikaljow in seiner blasskarierten Bettwäsche. Es geht ihm gut, weil er schon mal im All war und noch am Leben ist und weil er heute wieder in den Kosmos fliegen wird, auch wenn er die Nacht zuvor ein bisschen unregelmäßig atmet in seiner kleinen Wohnung, was Elena, seine Frau, ein wenig stört, aber sie versteht es. Scharren.

Kratzen.

Krikaljow schnauft, und Elena im rosa Nachthemd geht zum Fenster und macht es auf. Kurze Ruhe. Dann wieder das Kratzen: Sandflughühner, die nichts in den Kosmos zieht. Immer wieder kommen sie in der Morgendämmerung auf das Blechdach zurück und lassen sich von der schräg stehenden Sonne wärmen. Sie schließt das Fenster und öffnet den Mund: "Es ist Zeit, Serjoscha."

Im Sommer bewachen violettblaue Stiefmütterchen die Beete. "Studentinnen der Arbeiterfakultät", wie Genosse Ilja gesagt hat, aber jetzt ist Winter, und Krikaljow hat nicht einmal einen Blick für den Park, wo kalt und riesig ein Mann steht, breitbeinig auf der grünen Wiese vor den Hochhäusern, als wolle er den vielen Wassersprinklern ringsum zeigen, wie man einen Rasen nässt. Darunter steht: Jurij Gagarin. Sowjetbürger und Kommunist. Krikaljow fragt sich nicht, ob irgendwo viele tausend Meilen entfernt ein anderer kalter Riese mit einer Unterschrift steht: Neil Armstrong. US-Bürger und Kapitalist. Er denkt an Elena, dass sie sich eine neue Küche wünscht und dass er sie fast ein halbes Jahr nicht sehen wird, weshalb es ein schwerer Abschied war, so wie schon beim letzten Mal. Aber er diskutiert nicht über seinen Beruf, auch nicht mit Elena.

Es ist ein langer Weg zu den Startanlagen in der Mitte des Geländes, achtunddreißig Kilometer nördlich des Hauptbahnhofs. Es ist ein längerer Weg durch die Schleusen und Kammern, durch Umkleidekabinen und anderes bis an Bord der Rakete. Und es ist ein noch viel längerer Weg der Mission SOJUS TM 12 zur Raumstation MIR, die alte Stammbesatzung abzulösen. Kollege Arzebarskij steht schon da, müde und blass, man könnte ihn unmöglich mit einem der Kosmonauten verwechseln, die in den Schulbüchern lächeln. Auch diese Engländerin ist da, die heute das erste Mal mitkommt, selbst wenn Elena tobt. Als wenn sie sich dadurch abhalten ließen, die bleibt sowieso nur eine Woche. Nicht mal an derselben Tube würde sie lutschen, und auch die Außenbordarbeiten zur Reparatur der Antenne oder des Annäherungssystems KURS am QUANT-Modul blieben streng einsam.

Stunden später sitzen sie zu dritt in der Sojus-Kapsel, erst nebeln die dichten Atmosphärenschichten, dann überfliegen sie einen der breiten sibirischen Ströme. Krikaljow unterscheidet deutlich die kleinen, von der Morgensonne beschienenen waldigen Inseln und die Ufer, und der Brechreiz ist nahezu unerträglich, wie schon beim letzten Mal. Nur nicht in die Kapsel kotzen. Auch der Druck auf die Augen wächst weiter, Arzebarskijs Gesicht ist nur noch Teig. In zwei Tagen, vier Myriaden Kilometer über der freien Erde, werden sie es eingeholt haben, dieses winzige schnelle Licht im Sternenmeer. Krikaljow trinkt kalten Tee, wartet ab, wartet weiter, bis Arzebarskij nicht mehr hinter seinem Rücken in das winzige Klo pinkelt, denkt nicht an Arzebarskij, denkt auch nicht an die Engländerin, lieber an Elena, an ihr rosa Nachthemd, und blickt, sein Gesicht ist bleich wie Kreide, in die unendliche Freiheit.

Mit dem Himmel fängt es an, dem hellen Grau, das über der Straße liegt. Zu erwähnen sind: die herkömmliche Nässe des Herbstes, der dichte vierspurige Verkehr zwischen den verchromten Häusern der Banken und Versicherungen, die große Betonbrücke über die Straße mit den Bahngleisen in der Mitte und schließlich vereinzelt dunkle Punkte, die gefrorene, stillgestellte Unruhe der Menschen an einer Straßenbahnhaltestelle. Es war nichts Feierliches in diesem Tag, eher etwas Schwermütiges, der dritte Oktober hatte kein gutes Wetter beschert. Georg war früh aufgestanden an diesem Morgen, so wie jeden Morgen, aber ein Morgen wie jeder andere war das nicht. Er hatte soeben seine Arbeit gekündigt. Nun stand er in schwarzen Jeans und schwarzem Wollpullover an der Haltestelle in die Stadt, lehnte an einer Tafel mit Leuchtreklame, die Arme verschränkt, und fragte sich, wie es ist, wenn man ein altes Leben beendet und ein neues anfängt. Leicht zu sagen war es nicht. Auf der Leuchtreklame zogen Rentiere durch glitzerndes Wasser. Benzindunst lag in der Luft, und die Straßen sahen aus, als wenn sie sich langweilten. Auf den Amseln perlten Tropfen; nass wie Regenschirme hockten sie auf der Laterne, bevor sie fortfahren würden zu singen oder zu sterben. Unentwegt zischten die Autos durch die Pfützen, in gleichem Abstand, wie auf einem Rollband.

Kritiken:

 

Hilfstierpfleger auf der Arche Noah - Richard David Precht beschwört eine untergehende Welt: “Kosmonauten” (Stephan Maus, NZZ, 04.12.03)

Gott, denkt man, ein Berlin-Roman. Herrje, murmelt man, eine Liebesgeschichte. Und dann liest man eine sehr gelungene Berliner Liebesgeschichte. Boy meets girl, dreihundert Seiten Beziehungsrappelkiste, boy loses girl. Das Muster ist von sagenhafter Einfallslosigkeit, und es ist ein kleines literarisches Wunder, wie es Precht gelingt, den Leser schnell für seine Figuren und seinen Stil einzunehmen und ihn über den gesamten Text hinweg mit Herz und Verstand am Schicksal seines Pärchens teilnehmen zu lassen.

Erst einmal Köln. Die Straßenbahn ist ein Romangenerator. An der Haltestelle trifft Georg auf Rosalie und braucht weniger als eine Kurzstrecke, um die hübsche Kunststudentin für sich einzunehmen. Die beiden werden ein Paar und erst einmal glücklich miteinander. Das geht natürlich nicht in Köln. Also Berlin. Und das ist in diesem Fall sogar sehr gut so. Georg und Rosalie ziehen kurz nach dem Mauerfall nach Berlin, und Precht verbindet diese leicht melancholische Liebesgeschichte mit einem nostalgischen Abgesang auf die provisorische Nachwendezeit. In der Stadt und in der Liebe scheint alles möglich. In Mitte und im Herzen herrscht Aufbruchstimmung. Doch was zusammengehört, wird zusammenwachsen. Leider. Denn zusammengewachsen ist alles nur noch halb so interessant.

Die Parallele zwischen Stadtentwicklung und Beziehungsverlauf wird niemals aufdringlich symbolisch inszeniert, ist aber immer unterschwellig präsent. So gelingt es Precht, dem unerträglichen Berlin-Roman noch einmal neues Leben einzuhauchen. Die Hauptstadt wird hier nicht hysterisch abgefeiert, sondern auf dem traurigen Weg vom Raum der tausend Möglichkeiten hin zum durchgestylten Marketingmonolithen gezeigt. Das Schicksal des Liebespaares läßt sich exemplarisch für die allgemeine Stadtentwicklung lesen. Nach einer glücklichen Phase der gemeinsamen Improvisation zerbricht die Beziehung an Ehrgeiz, Glamoursucht und dem dringlichen Wunsch, groß mitzumischen. Während sich Georg genügsam in eine Existenz ohne Karriereansprüche fügt und einen Job als Tierpfleger annimmt, bewirbt sich Rosalie erfolgreich für einen Job in einer Werbeagentur, die Berlin als innovatives Produkt vermarktet. Rosalie wird Partnerin für Berlin und badet in Buzz-Words. Das kann nicht gut gehen.

Haben die beiden zuerst Berlin wie Kosmonauten das fremde All erforscht, umkreisen sie sich nun wie zwei fremde Planeten. Folgerichtig verliebt sich Rosalie in einen sportwagenfahrenden Architekten, der mit seinen Bauten jene Lücken der Stadt schließt, in denen sich so viele sympathische Nischenexistenzen ansiedeln konnten. Nicht zuletzt Roslaie und Georg. Während Rosalie mit dem Architekten im Sportwagen fährt, kehrt Georg stoisch die Pfade vor dem Eisbärgehege im Tierpark Ost, dem die feindliche Übernahme durch den Zoologischen Garten droht. Rosalie hat den Wind der Zukunft im Haar, Georg fegt das Laub des vergangenen Sommers zusammen. Er ist der Hilfstierpfleger auf der Arche Noah, und der Berg Ararat ist auf keiner Karte zu finden.

„Kosmonauten“ ist ein melancholischer Abgesang auf eine Liebe und eine Stadt. Richard David Prechts dramaturgischen Rezepte sind konventionell, doch ihre sprachliche Ausarbeitung ist originell. Precht hat eine Vorliebe für rhetorische Pirouetten und trickreiche Stilfiguren. So heißt es vom Pergamonmuseum, es sehe aus, „als stünde es in sich selbst.“ Die Dinge wie die Figuren stehen in diesem melancholischen Liebesroman immer ein wenig neben sich selbst. Precht hat einen erfreulich gut entwickelten Sinn für Humor. Der melancholische Grundton und die vielen komischen Szenen gehen eine reizvolle Verbindung miteinander ein. Prechts Tierparkszenen suchen ihresgleichen. Wahrscheinlich ist er nach Alfred Brehm der Schriftsteller, der am amüsantesten über Tiere schreibt. Menschen kann er auch sehr gut. Es gelingt ihm ausgezeichnet, eine reiche Auswahl sehr unterschiedlicher Charakter plastisch zu schildern. Der Berliner Menschenzoo ist reich bestückt. Das Künstlergehege ist besonders interessant, und man erkennt ein paar ganz besonders wichtige Tiere wieder. Hier bekommt „Kosmonauten“ die Pikanterie eines Schlüsselromans. Richard David Precht hatte den Mut, den appetitzügelndsten Satz der Saison zu schreiben: „Es gab Blutwurstragout, ein Kellner an Georgs Tisch nuschelte etwas von ‘toter Oma.'“ An dieser Stelle wünscht man sich etwas mehr Astronautennahrung in „Kosmonauten“. Auf einer Szene-Party geht Georg der bedauernde Gedanke durch den Kopf, daß es für all diese wichtigen Kunstleute nur noch wichtige, interessante oder spannende Bücher gebe, aber keine schlichtweg schönen mehr. „Kosmonauten“ ist ein sehr schönes Buch.

Kosmonauten - Richard David Prechts anrührende Liebesgeschichte als Metapher der Wiedervereinigung und der schleichenden Veränderung Berlins

Die zeitdiagnostische Literatur zur Geschichte der Stadt Berlin hat weiter Konjunktur, auch mit Blick auf die 80er- und frühen 90er-Jahre. Während Sven Regeners Roman "Herr Lehmann" genau am 9. November 1989, dem Tag der Grenzöffnung zwischen Ost und West, endet und der Protagonist kurz nach seinem 30. Geburtstag sein bislang geführtes Leben umkrempeln wird, beginnt Richard David Prechts Liebesgeschichte genau an diesem Tag, an einer Haltestelle in Köln.

Zum Berlin-Roman wird es erst durch den Umzug der beiden Protagonisten - in die sich auf der Suche nach einer neuen Identität befindenden Stadt. Und so verbindet Precht in viel direkterer und radikalerer Weise die sich an die aktuellen Umstände anschließende Frage veränderter, gänzlich neuer oder der auslaufenden Zukunft alter Lebensentwürfe.

Dabei ist Berlin weniger Diskurs- als Handlungsschauplatz, denn Precht entfaltet seine Geschichte in einem sprachlich unaufgeregten, aber desto präziser funktionierenden topografischen und mentalen Nachwendebiotop. Irgendwo zwischen besetzten Häusern in Mitte, einer neuen Kulturschickeria und dem Tierpark Friedrichsfelde entsteht ein unprätentiöses Panorama von Wiedervereinigungsgewinnern und -verlierern, von Prozessen und Dynamiken, die schließlich ihre individuellen und ganz persönlichen Auswirkungen auf die anrührende Liebesgeschichte von Georg und Rosalie hat. Das Buch ist melancholisch und humorvoll zugleich: ebenso konstruiert wie leicht geschrieben, zwischen Essay und einer Eastern-Liebesgeschichte, in der es schließlich Gewinner und Verlierer gibt. Und nicht nur die Protagonisten haben sich verändert, auch Berlin. Und damit ist das vereinigte Deutschland nicht mehr das von 1990.

Literaturktitik.de

Precht hat einen Roman geschrieben den man ohne Wenn und Aber als einen ganz großen bezeichnen darf.

Seit langen habe ich kein Buch eines deutschen Autors mehr gelesen, der seine Geschichte fesselnd erzählt, und dabei über eine Sprache verfügt die süchtig machen kann. Er schreibt poetisch, ohne kitschig zu werden. Er schildert die politische Situation nicht aufgesetzt, sondern - in bester Marnier z.B. eines John Updike - eingebunden in die Tagesabläufe unserer Protagonisten. Dieses Buch zu lesen ist ein Vergnügen. Deshalb unbedingt meine Empfehlung: in den Buchladen und Richard David Prechts "Die Kosmonauten" kaufen, es sich in der Leseecke zuhause gemütlich machen, und eintauchen in die Geschichte und die fabelhafte Sprache mit der sie erzählt wird.

Joachim Neumann

Richard David Precht

Publizist / Autor / Philosoph


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